Produktfotografie und Tethered Shooting
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Produktfotografie und Tethered Shooting

20.08.2015

Tethered Shooting - eine unterschätzte Kamerafunktion

Die wenigsten Funktionen technisch hochgerüsteter Digitalkameras lassen sich wirklich sinnvoll für die Produktfotografie nutzen. Der Autofokus macht gerade im Nahbereich oft mehr kaputt als das er hilft. Die Belichtungsautomatiken spielen spätestens dann nicht mehr mit, wenn Blitzlicht im Spiel ist. Aber selbst bei der Arbeit mit Dauerlicht sind sie schnell überfordert.

Eine Funktion, die in der Produktfotografie wirklich hilfreich ist, ist kaum bekannt. Zumindest wird es selten genutzt. Das Tethered Shooting. Mittlerweile verfügen nicht nur die ganz gehobenen Kameramodelle über eine USB-Schnittstelle oder gar WiFi, die in vielen Fällen das Tethered Shooting möglich machen.

 

Tethered Shooting vor der Jahrtausendwende

Es war Ende der 1980er und ich steckte noch in der Ausbildung. Wir hatten den Auftrag für einen Batteriehersteller die gesamte Produktpalette, angefangen bei der großen 4,5V Flachbatterie bis runter zur Uhren-Knopfzelle, auf einer Glasscheibe vor einem blau geleuchteten Hintergrund auf ein 8x10" Dia zu bannen.

Der Aufbau war wegen des Unterlichts bereits einen Meter hoch, die 8x10" Sinar auf dem Säulenstativ auf über zwei Meter. Die Schieberei der vielen Batterien und das ständige Leiterrauf, unters Tuch krabbeln, Leiterrunter zur Kontrolle ging meinem Chef so auf die Nerven, dass wir auf die Idee kamen, das Bild zu uns runter zu holen. Also bauten wir Objektiv und Mattscheibe aus der Sinar aus und haben mit einer VHS-Kamera durch den Balgen der Sinar, den Bildausschnitt auf einen Fernseher neben dem Set übertragen.

 

Tethered Shooting in der fotografischen Neuzeit

Zu analogen Zeiten konnte man dabei noch nicht von Tethered Shooting sprechen. Das einzige Kabel, das damals zur Kamera ging war das Syncrokabel, um die Blitzanlage auszulösen. Das gibt es heute dank Funkfernauslösung nur noch selten. Dafür haben Digitalkameras meist eine Reihe von Schnittstellen, die sich der Produktfotograf zunutze machen kann. Das geschieht allerdings bisher relativ selten.

Dass diese Möglichkeit bisher in der Produktfotografie so selten benutzt wird, wundert mich ein wenig. Zumindest ist es so, dass viele Coaching-Teilnehmer zunächst einmal sehr irritiert reagieren, wenn ich nach der Kamera als nächstes den Rechner hochfahre.

Ich habe auch nur eine vage Vermutung für den Grund. Meist wird man mit dem Thema Produktfotografie ins kalte Wasser geschmissen. Bis dahin war man schon froh, wenn man mit Hilfe des Handbuchs die Kamera mit allen Funktionen und Fotografierhilfen  soweit in den Griff bekommen hat, dass sie von sich aus halbwegs vernünftige Bilder mit halbwegs guter Schärfe hinbekommen hat. Und jetzt kommt ein Coach, der einem sagt "vergesst das erst mal alles" und lernt etwas völlig Neues.

An der Stelle ist es vielleicht auch Zeit für ein Geständnis: Auch ich kenne bei Weitem nicht alle Funktionen meiner Kameras. Keine Ahnung, wo sich die Mehrfeldmessung auf eine Spotmessung umschalten lässt. Oder wie ich den Bildstabi zu- und abschalte. Dafür bin ich fit in allen Funktionen, die mich in der Produktfotografie unterstützen. Und das sind zum Glück verdammt wenige!

 

Tethered Shooting in der Praxis

Camera Control Pro

 

Die Software, mit der in meinem Studio gearbeitet wird, nennt sich Camera Control Pro 2, muss käuflich erworben werden und funktioniert für meine Zwecke prima mit dem ohnehin von Nikon mitgelieferten View NX2. Canon liefert das gesamte Softwarepaket zum Tethern free zu jeder Kamera mit aus. Adobe Lightroom hat je nach Version Profile verschiedener Kamerahersteller hinterlegt, so dass zumindest die Bildübertragung direkt auf den Bildschirm als auch die Auslösefunktion via Software funktioniert. Daneben gibt es auch einiges an freien oder zumindest günstigen Softwarelösungen, die teils mit dem Desktop-Rechner, teils aber auch mit Tablets und Smartphones funktionieren.

 

In diesem Beispiel geht es um einen eigentlich recht einfachen Packshot für Amazon. Ein transparenter "Kulturbeutel" in dem vier halbtransparente Silikonfläschchen zu sehen sind, die sich der Kunde selbst befüllen kann, um auch auf Reisen sein Shampoo, Duschgel oder auch Ketchup dabei zu haben.

Amazon hätte es gern auf weiß. Transparente Produkte auf weiß zu fotografieren hat es allerdings ein wenig in sich. Freistellen allein reicht nicht, denn ist in den transparenten Bereichen noch zu viel Ton, wirkt das Ganze abscheulich gräulich. Die Herausforderung besteht also darin, das Licht hinter dem Beutel so mit dem eigentlichen Produktlicht abzustimmen, dass Flaschen und Beutel gut sichtbar sind und eben noch soviel Ton in den klaren Bereichen des Beutels bleibt, dass er nicht ausfrisst.

 

Eine typische Anwendung für das Tethered Shooting. So lässt sich direkt am großen Bild ausmessen, ob die transparenten Bereiche eher bei einen Wert von 250 liegen und damit gerade noch sichtbar sind. Oder mit 255 schon mehr als weiß und damit ausfressen. Über die Bildergalerie kann man verschiedene Versionen direkt miteinander vergleichen und kontrollieren, ob sich die Korrekturen wirklich positiv ausgewirkt haben.

Dass nicht mehr an der Kamera, sondern am Rechner ausgelöst wird, ist ein weiterer Vorteil. Mit einer Funkmaus spart man sich den Fernauslöser. Dieser Beutel hatte eine böse Delle, in der sich ein unschöner Reflex bildete. Die ließ sich zwar herausdrücken, bildete sich aber nach wenigen Sekunden neu. Zu schnell für einen Sprint zur Kamera. Mit der Funkmaus in der einen Hand und dem Dellenrausdrückfinger an der anderen war das aber kein Problem.

Auch das Fokussieren ist um einiges präziser. Per Liveview kann man auf dem Monitor exakt in den Bildbereich zoomen, auf dem der Fokus leigen soll, um die Schärfentiefe durch Abblenden möglichst optimal auszunutzen.

 

Fazit zum Tethered Shooting

Wer als Fotograf stationär und vom Stativ aus arbeitet, der sollte sich die Möglichkeiten und den Komfort des Tethered Shooting nicht entgehen lassen. Wer gerade erst in die Produktfotografie einsteigt sollte seine Kaufentscheidung zur geeigneten Kamera mit davon abhängig machen, ob sie über diese Möglichkeit verfügt, per USB oder besser noch per WiFi.

 

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Produktfotografie - Blog

Neben den Tutorials zum Thema Produktfotografie werde ich an dieser Stelle über Themen scjhreiben, die den Studioalltag betreffen. Amüsantes, Wissenswertes, Praktisches teils auch Ärgerliches.

 

Produktfotografie ist in der Regel alles andere als glamourös.Trotzdem können die Hintergrundgeschichten dazu interessant sein. Kein Job ist wie der andere und so gibt es selbst nach 25 Jahren Studiofotografie auch für mich immer wieder Neues, von dem es sich zu berichten lohnt.

 

Als Blog soll dies aber keine Einbahnstraße sein. Daher freue ich mich über jeden Kommentar zu den Beiträgen.

Durchsichtiges vor weiß

Um transparente Produkte, wenn sie freigestellt vor einem weißen Hintergrund abgebildet werden sollen, nicht "schmutzig" wirken zu lassen, bedarf es einer genauen Abstimmung vom Durchlicht und Auflicht.

 

Transparenter Kulturbeutel

 

 

Eine Aufnahmetechnik, für die der Leuchttisch eigentlich prädestiniert ist. Der Schwachpunkt des Leuchttischs ist bei dieser Anwendung aber weniger der Tisch selbst. Oftmals werden sie als Set zusammen mit Leuchten angeboten, die für dieses genaue Arbeiten eher ungeeignet sind.

Da das Licht, das durch den Tisch geschickt wird, genau auf das Licht abgestimmt sein muss, das das Produkt von vorne beleuchtet, sollten die Lampen stufenlos regelbar sein.

Das ist am ehesten mit Studioblitzen möglich oder den klassischen Glühfadenlampen wie Halogenbrennern.

Gasentladelampen, wie es sie meist zu diesen Tischen gibt, sind da eher ungeeignet.

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