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Fotografieren im Ministudio
Jeder Produktfotograf hat mal klein angefangen. Mancher kann es dabei belassen. Zumindest der, dessen Produkte einenicht überschreiten. Hierfür gibt es von vielen Anbietern die so genannten Ministudios, in denen man angeblich arbeiten können soll wie die Großen.
Nun wollte ich es wissen. Ein Link und netter Kommentar über diesesTutorial auf der Seite eines Anbieters (im Folgenden nur true-vision genannt) hat mich darauf aufmerksam gemacht. Natürlich war ich neugierig und habe mir das Ding erstmal auf deren Homepage angeschaut. Auf den ersten Blick hat mich das, was ich da sah, wenig beeindruckt: Ein Fototisch mit Durchlicht-Hohlkehle,eine Durchlicht-Quelle, drei Flächenlampen, ein bisschen Zubehör. Ich hatte früher bei eBay schon mal im Vorbeigehen ähnliche Ministudio-Lösungen gesehen. Und das für weniger Geld.
Trotzdem war ich neugierig und habe true-vision erstmal angemailt, ob ich so ein Ministudio zum Testen zur Verfügung gestellt bekommen könnte. Drei Tage später hatte ich das Ding (MS-1) im Studio. Und nun endlich bin ich dazu gekommen, zu testen.
Nun wäre es wenig fair, dieses Ministudio gegen das antreten zu lassen, mit dem ich alltäglich arbeite. Immerhin habe ich mein Equipment über Jahre auf mein Arbeitsgebiet und meine persönliche Herangehensweise optimiert. Dazu kommt, dass jeder einzeln Studioblitz allein schon mehr kostet als das gesamte Ministudio. Da muss also ein anderer Testansatz her. Am besten der aus der legendären "Feuerzangenbowle":
Stellen mer uns mal janz dumm! Wat is enne Fotostudio?
Im Grund wurde das schon im WORKSHOP-LICHT geklärt. Ein Fotostudio ist erstmal nur ein Raum mit veränderbarer Beleuchtungssituation. Ob diese Beleuchtungseinrichtung aus Schreibtischlampen, Tageslichtflächenleuchten oder leistungsstarken Blitzlampen besteht, ist erstmal zweitrangig.
Was gehört noch dazu? Ein Aufzeichnungsgerät, im Folgenden nur Kamera genannt. Komplettiert wird das Fotostudio dann durch den Bediener, im Folgenden Studiofotograf genannt.
Nun wird man kaum allein dadurch zum Studiofotografen, in dem man einen Raum betritt, der mit Licht und Kamera bestückt ist. Es wäre schon gut, mehr zu wissen, als wo die Lampen eingeschaltet und die Kameras ausgelöst werden. Es bedarf allerdings keiner 20jährigen Erfahrung (okay, das mag helfen), sondern ich will mal versuchen, das Ministudio mit dem Wissen zu testen, das jeder haben kann, der bereits durch diese Workshops durchgeackert hat.
1. Der Aufbau/ Das Set
Aufgebaut war es relativ zügig. Allerdings sah das Ministudio bei mir weniger aufgeräumt aus als auf diesem Bild. Dafür zeigt diese Abbildung gut, aus welchen Komponenten das Ministudio besteht:
- 1x 48 Watt Mini Fluor Lampe als Hauptbeleuchtung
- 2x 32 Watt Mini Fluor Lampen als Füll- und Nebenbeleuchtung
- 1x 48 Watt und 32 Watt Mini Fluor Hintergrund- und Bodenbeleuchtung
- 1x faltbarer Aufnahmetisch
- 1x Lichtstativ und 1x kurzer Stativbaum
- 2x Lichtstative mit Einstellwinkel
Was mir besonders gut gefiel: Alle Komponenten des Ministudios sind mit Fotogewinde versehen. Dadurch besteht die Möglichkeit, sie problemlos mit anderem Studiozubehör zu kombinieren. Warum das ab und an Sinn macht, dazu später mehr.
Tipp:
20 Jahre Erfahrung setzen ein bestimmtes Alter voraus. Somit sind meine Bandscheiben bereits etwas verschlissen und ich habe mir das Set rückenschonend auf einem Tisch aufgebaut.
2. Quietschi hat gekündigt
Wahrscheinlich habe ich die kleine Ente im WORKSHOP-LICHT doch zu hart rangenommen. Spätestens nachdem ich sie im kalten Teich für die Gegenlichtsituation ausgesetzt hatte, hat es ihr wohl gereicht und sie hat sich von einer Workshop-Teilnehmerin adoptieren lassen.
Also habe ich neu gecastet und bin auf ein Nachwuchsmodel gestoßen. Noch ein bisschen unerfahren, muss wohl erst warmgeschossen werden.
Wie gesagt, es sieht bei mir im Aufbau etwas chaotischer aus. Zu dem habe ich die Schutzfolie an den Abschirmklappen dran gelassen. Schließlich ist das Set eine Leihgabe.
Der Vorteil, das Ministudio auf inem Tisch aufzubauen, der ungefähr die Breite der Hohlkehle hat, besteht unter anderem darin, dass die Klemmstative der seitlichen Lampen daran befestigen werden können und damit die Flexibilität in der Lichtführung deutlich erhöht wird.
Im ersten Setup haben Quietschi-Junior und ich nachzubauen versucht, was wir einstmals im WORKSHOP-LICHT mit Schreibtischlampe, Klemmspot und Aufhellern zu erreichen versucht haben. Weiches Hauptlicht von oben, ein Aufhelllicht von der Seite und statt der Aufhellpappe gegenüber diesmal ein weiteres Aufhelllicht.
Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Sauber Kantenreflexe, eine insgesamt ausgeglichene Beleuchtung, ein weicher Standschatten. Als Produktaufnahme durchaus verwendbar.
Das gleiche Setup direkt auf dem Aufnahmetisch. Deskalb, weil immer wieder gern der Versuch unternommen wird, Produkte
direkt auf weiß zu fotografieren, um damit das Freistellen zu sparen. Wir sprachen bereits an anderer Stelle darüber.
Allerdings stellen wir fast, dass das Ziel mit der bisherigen Beleuchtungssituation nicht erreicht werden kann. Immerhin hat der Hintergrund noch eine Deckung von 15% (im Schatten deutlich mehr). Daraus ein Weiß zu machen, in dem man das Histogramm per Tonwertkorrektur oder Gradationskurve "vergewaltigt", ruiniert uns die ganze Aufnahme.
Hier spielt das Ministudio eine seiner Stärken aus. Denn der Aufnahmetisch ist durch die dazugehörige Durchlichteinheit von unten und hinten zu beleuchten. Und zu meinem Erstaunen steht das Durchlicht in einem ausgewogenen Verhältnis zum Auflicht.
Allerdings wäre es hier eine Sünde, so zu belichten, dass der Hintergrund wirklich 0% Deckung hat und damit weiß ist. Denn das führt zwangsläufig zu Überstrahlungen an den Kanten. Je heller das Produkt, um so eher.
Also selbst mit dem Durchlicht ist es angeraten, auf das Produkt zu belichten. Das führt zwar dazu, dass wir dann, gerade im Standschatten, noch Deckung haben. Allerdings lässt sich diese Aufnahme mit wenigen "Handgriffen" in der Bildbearbeitung so hinbiegen, dass sie leicht freizustellen ist, ohne das Produkt zu "versauen".
Durchlicht - Pro & Contra
Der Vollständigkeit halber und da dies hier ein unabhängiger Test ist, muss ich aber darauf aufmerksam machen, dass das Fotografieren von freigestellten Produkten auf dem Leuchttisch seine Tücken hat und nicht immer zu einer optimalen Produktdarstellung führt.
Dies hier ist ein Beispiel aus der Praxis, wie es bei mir 100fach vorkommt. Ein simpler Packshot, der im Katalog freigestellt abgebildet werden soll.
Hier auf dem Leuchttisch des Ministudios fotografiert, ist deutlich zu sehen, wie sehr das Durchlicht das Produkt beeinträchtigt.
Der untere Rand des Seifenstücks trennt sich kaum, die Oberseite der Packung ist zu hell, ihre Seiten überstrahlen.
Das Licht von unten, das hier schon fast zum Hauptlicht wird, schadet der ganzen Sache eher.
Der gleiche Aufbau, diesmal einfach nur ohne das Durchlicht. Ähnlich wie bei der mittleren Ente behält der Fond einen deutlichen Grauton. Man kommt also kaum um den klassischen Freisteller herum. Dafür hat man aber die weit aus bessere Produktdarstellung.
Durchlicht und Glas - Ein gutes Team
Im WORKSHOP-GLAS hatten wir ja schon versucht, mit einfachsten Mittel diesem heimtückischen Material zu Laibe zu rücken. Die wichtigste Erkenntnis daraus: Glas stellt man nur durch das dar, was in hinter ihm ist oder sich direkt in seinen Oberfläche einspiegelt. Und dafür ist so ein Leuchttisch bestens geeignet.
Ein weiterer großer Vorteil dieses Ministudios, die großen Flächenleuchten. Diese machen es möglich, sehr gezielt saubere Reflexe auf das Glas zu setzen.
Ein schönes Feature, gerade bei so hohen Objekten, ist das getrennt schaltbare Durchlicht. Der obere Teil kann man abschalten. Dadurch erhält man einen sanften Lichtverlauf ins Grau.
Hierbei schön zu sehen, wie sauber das Hauptlicht den oberen Glasrand zeichnet.
Auch wenn es hier um ein Rotweinglas seht, einen kleinen Wermutstropfen muss ich spätestens an dieser Stelle doch mal einschenken. Mit den seitlichen Klemmstativen ist es unmöglich, die Lampen wirklich frei zu positionieren. Selbst wenn man sie direkt an die untere Tischplatte klemmt, können sie nicht bis auf Leuchttischniveau absenken.
Daher rate ich für ein wirklich freies Arbeiten mit allen Lampen zu zwei weiteren kleinen Lampenstativen. Zumindest ich bin an dieser Stelle dazu übergegangen, die beiden kleineren Lampen ebenfalls auf Stative zu stellen. Was durch das schon erwähnte Fotogewinde problemlos möglich ist.
Fazit
Ich habe mich spaßeshalber an ein paar anderen Motiven versucht. Dem roten Flitzer aus dem WORKSHOP-"AUTOFOTOGRAFIE", weil er mit seinem glänzenden Lack und seinen runden Formen ein geeignetes Objekt für die Arbeit mit den Flächenlampen des Ministudios ist.
Und der Uhr aus dem Header. Sie ist bei irgendeinem Shooting hängen geblieben und entspricht so wenig meinem Uhrengeschmack, dass sie unbenutzt in die Requisite gewandert ist. Zumindest ist sie als Anschauungsobjekt für die Arbeit im Nahbereich geeignet.
Während der Ferrari sehr dankbar für das flächige Licht und das Durchlicht war, hatte ich mit der kleinen Uhr so meine Probleme. Da müsste man erneut ran.
Auch wenn die Lampen bereits alle auf freien Stativen standen, haben es mir die Abschirmklappen der Lampen verdammt schwer gemacht, das Licht dort zu platzieren, wo es sitzen muss, um z.B. durchgängige Einspiegelungen zu erreichen. Die Dinger machen die Lampen gerade bei solch kompakten Aufbauten sehr sperrig, dass sie sich entweder selbst im Weg sind oder vor der Linse hängen. Wäre "mein" Ministudio keine Leihgabe, so hätte ich diese wahrscheinlich bereits entfernt.
Für diese Anwendungsbeispiele war es zwar nicht nötig. Eine sinnvolle Ergänzung des Ministudios wäre aber eine Punktlichtquelle (Spot), um zusätzlich mit härterem Licht arbeiten zu können. So etwas, im gleichen Farbtemperaturbereich, kann man aber bestimmt unabhängig von diesem Set beschaffen.
Alles in Allem aber eine sehr stimmige und durchdachte Lösung für alle die, deren Produkte eine bestimmte Größe nicht übersteigen. Die einzelnen Lampen sind in ihre Intensität gut aufeinander abgestimmt. Ein Ministudio, das den oftmals günstigeren "Kofferstudios" in Flexibilität und Genauigkeit überlegen ist und das Lichtzelt deutlich in den Schatten stellt.
Diese Setups wurden allesamt bei 100 ASA, Blende 22 und Belichtungszeiten um 1/6 sec. geschossen. Das ist eine ordentliche Lichtausbeute. Allerdings rate ich dazu, das Umgebungslicht zu dämpfen oder ganz abzuschirmen, da es doch die Ergebisse beeinflussen kann.
Die Farbtemperatur bleibt über längeres Arbeiten hin konstant, so dass ein einmaliger Weißabgleich ausreicht.
Grundkenntnisse, wie sie in diesen Tutorials zu vermitteln versucht werden, sind bestimmt kein Schaden. Für den ambitionierten Fotografen macht eine Schulung, wie sie von true-vision angeboten wird, Sinn. Es gib eine Menge Tricks und Kniffe, die helfen, auch aus solch einem Ministudio ein bisschen mehr raus zu holen als andere.
Sollte jemand nach einer solchen Einführung in die Arbeit mit dem Ministudio im Rhein-Main-Gebiet suchen oder im Einzelworkshop für seine eigene Produktpalette geschult werden wollen, so kann er gern mit mir Kontakt aufnehmen.


